Interview mit Reinhard Dayer

Reinhard Dayer, mehr als vier Jahrzehnte hauptberuflich für die Naturfreunde tätig, leitete seit 1983 die Organisation als Bundesgeschäftsführer und wechselte mit 64 Jahren in den Ruhestand. Am 1. Juli 2017 übergab er seine Funktion offiziell Mag. Günter Abraham, der vom Präsidium zu seinem Nachfolger bestellt wurde. Mit seiner Erfahrung bleibt Reinhard dem Naturfreunde-Reisebüro als gewerberechtlicher Geschäftsführer weiter erhalten.

Das Gespräch führten Doris Wenischnigger und Anja Malenšek. Fotos: Doris List-Winder, Naturfreunde Österreich

 

Reinhard, blenden wir mehr als 40 Jahre zurück. 1973 hast du deine hauptberufliche Laufbahn bei den Naturfreunden als Jugendsekretär begonnen. Was hat dich dazu als 20-Jähriger qualifiziert?

Ich war im Gymnasium einige Jahre ein engagierter und durchaus aufmüpfiger Klassen- und Schulsprecher, Redakteur der Schülerzeitung, politisch sehr interessiert und bei der Wiener Naturfreundejugend Jugendleiter und Jugendwart im Schilauf. Ich denke, das waren gute Voraussetzungen für meine Tätigkeit bei den Naturfreunden.

 

Wolltest du nach der Matura studieren?

Ja, das war mein Plan, vor allem wollten es meine Eltern. Ich war aber davon überzeugt - oder habe es mir zumindest so vorgestellt -, dass mich die vielfältigen Aufgaben und Tätigkeiten in der Naturfreunde-Organisation mehr erfüllen und diese meinen persönlichen Stärken zu 100 Prozent entsprechen werden. Deshalb habe ich das Angebot der Naturfreunde gerne angenommen.

 

Und wie siehst du das heute?

Ja, mein Traum von einem erfüllten Berufsleben hat sich erfüllt!

 

Was waren in den 1970er-Jahren die Themen und Aktivitäten der Naturfreundejugend, die du als Bundesjugendsekretär mit geprägt hast?

Wir sind massiv gegen Kernenergie und gegen das im Bau befindliche Kernkraftwerk in Zwentendorf aufgetreten, nicht zur Freude der Führung der Gesamtorganisation. Wir haben uns in der Friedensbewegung engagiert und an Demonstrationen gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa teilgenommen, und wir erkannten frühzeitig die Notwendigkeit, Nationalparke in Österreich zu errichten. Wir haben aber auch nicht auf unsere Kernaufgaben vergessen und Bundesjugend- und Jungbergsteigertreffen, Schimeisterschaften und Ausbildungskurse organisiert sowie das Naturfreundejugend-Ferienzentrum am Pressegger See ausgebaut.

 

Neben der Jugendarbeit warst du auch für andere wichtige Bereiche in der Bundesorganisation zuständig.

Ja, unser damaliger Generalsekretär hat mich wirklich nicht geschont. Aber dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich war auch Wintersportsekretär und mit meinen erfahrenen Wintersportfunktionären zum Beispiel für die Organisation der Internationalen Wintersportwochen in Maria Alm mit weit über tausend Teilnehmenden zuständig, habe das Referat Orientierungslauf betreut und das Referat Natur- und Umweltschutz aufgebaut und damit eine neue politische Positionierung der Naturfreunde geschaffen.

 

Und wie lautet das Resümee dieser Zeit?

Spannend, fordernd und lehrreich. In dieser Zeit war es mir möglich, die Weichen für meine weitere Berufslaufbahn in der Naturfreunde-Familie, aber auch für mein späteres politisches Engagement zu stellen.

 

Im November 1983 wurdest du erst 30-jährig vom Bundesausschuss in die verantwortungsvolle Funktion des Generalsekretärs bzw. Bundesgeschäftsführers berufen. Was waren damals deine Ziele?

Selbstverständlich diese großartige, traditionsreiche Organisation in eine erfolgreiche Zukunft zu führen, weiter zu modernisieren und für das 21. Jahrhundert fit zu machen. Besonders wichtig war es mir immer, gesellschaftsrelevante Freizeit-, Umwelt- und alpine Themen frühzeitig zu erkennen, für die Bearbeitung vorzuschlagen und auf breiter Basis für Lösungen zu motivieren.

 

Was meinst du damit konkret?

Zum Beispiel die damals mit gewaltigem Einsatz der E-Wirtschaft geplanten Großkraftwerke in Osttirol zu verhindern, ebenso wie die Gletschererschließungsprojekte am Sonnblick und Großvenediger,  um damit den Weg für die Errichtung des Nationalparks Hohe Tauern frei zu machen. Und mit der einzigartigen Naturfreunde-Kampagne, 120.000 Unterstützungsunterschriften und dem politischen Druck, den wir erzeugt haben, ist es auch gelungen. Mittlerweile dürfen wir uns über sechs Nationalparke in Österreich freuen, bei deren Entstehung wir federführend beteiligt waren, beim Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel ganz besonders. Der freie Zugang zur Natur und die Erhaltung der Wegefreiheit im Wald und in Alpinregionen waren Themen, die permanent unsere höchste Aufmerksamkeit erfordert haben. Mit der jüngsten Kampagne „Öffnung der Fortstraßen für RadfahrerInnen“, mit der Sicherheitskampagne „No reset am Berg“ oder mit unseren Beiträgen zum Klimaschutz haben wir immer höchste Problemlösungskompetenz bewiesen.

 

Was hat dir während deiner Berufslaufbahn besonders Spaß gemacht?

Ich denke, es war das Schreiben des Drehbuchs, die Vorbereitung und Detailorganisation der Festveranstaltung zum 100. Geburtstag der Naturfreunde 1995 in der Wiener Stadthalle. Als nach der dreistündigen Show der tosende Applaus der 7000 in- und ausländischen Gäste und der auf der Bühne versammelten Künstler nicht enden wollte, hat mich schon ein gewaltiges Gänsehautfeeling gepackt.

 

Gab es auch Enttäuschungen?

Nicht unbedingt, aber manches ist mir sicher zu langsam gegangen. Trends in Sport und Gesellschaft wurden da und dort zu spät erkannt. Ich musste lernen, dass Vereinsarbeit wie Bohren harter Bretter ist, und mir auch eingestehen, dass der Weg halt manchmal das Ziel ist.

 

In welchem Zustand hast du die Naturfreunde deinem Nachfolger übergeben?

Die Naturfreunde sind heute mit ihren vielfältigen tollen Angeboten, mit ihrem Erscheinungsbild, ihrer Hütten- und Kletterhalleninfrastruktur, ihren Aus- und Fortbildungsangeboten und ihrem gesellschaftspolitischen Engagement eine moderne Organisation, die immer den Menschen im Mittelpunkt sieht. Sie steht auf einem gesunden finanziellen Fundament und verfügt über ein engagiertes, kompetentes ehren- und hauptamtliches Team. Also gute Voraussetzungen für eine konstruktive Weiterarbeit, für die ich Mag. Günter Abraham und seinem Team viel Erfolg wünsche.

 

Wie siehst du die Zukunft der Naturfreunde?

Sehr gut, denn sie vereinen sportliche Tätigkeiten, Umweltanliegen, kulturelles Verständnis, politisches Engagement und Veränderungswillen zu einem vernünftigen Gesamtpaket.

 

Welche Botschaft möchtest du uns noch gerne mitgeben?

Ich mag Liedermacher und die Lieder von Konstantin Wecker ganz besonders. In einem singt er: „Empört euch, beschwert euch und wehrt euch, es ist nie zu spät!“

Eine Botschaft sehr nahe unserem Gruß „Berg frei!“

Anja Malenšek und Doris Wenischnigger im Gespräch mit dem scheidenden Bundesgeschäftsführer Reinhard Dayer
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